11.10.2014 Ausstellung "Ich gehe in meinen Garten." face to face in Jena und Schöppingen

 
 
"Einkehr" open space und Finissage in Jena
 
Glashaus im Paradies, Vor dem Neutor 6, Volkspark Paradies, Jena

Kunsthandlung Huber&Treff
www.huber-treff.de
 
 
 
Projektausstellung

"Testlauf" – Der Künstler als moderner Nomade und Forscher

zum 25 jährigen Jubiläum der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

Künstlerdorf, Feuerstiege 6, Schöppingen
 
30 Tage zu Fuß unterwegs. Rund 600 km von Gronau nach Jena, zwischen der BRD und der ehemaligen DDR auf der Suche nach Spuren von alten und neuen Heimaten. Ich erforsche Nahtstellen, insbesondere im Austausch mit anderen Menschen und Orten, Geschichten von Entwurzelung und Neuverortung. Die Erfahrungen Anderer, Portraits und Geschichten, Aufzeichnungen aus einem „Land vor unserer Zeit“ verweben sich bildsprachlich zu einem Road Movie zwischen West und Ost. Vor wechselnden Hintergründen verwandelt sich meine physische Bewegung im Raum in einen stetig wachsenden Bildentstehungsprozess.
 
„12. Frage: Wie viel Heimat brauchen Sie?“ (Max Frisch, „Heimat-Fragebogen“ aus Tagebücher 1966–71, Frankfurt a.M.)
 
Einwohner aus den Orten: Gronau, Heek, Schöppingen, Horstmar,  Altenberge, Münster, Telgte, Warendorf, Ennigerloh, Ostenfelde, Herzebrock, Rheda Wiedenbrück (Umleitung über Gütersloh), Rietberg, Delbrück, Paderborn, Dalheim, Warburg, Zierenberg, Kassel, Hessisch-Lichtenau, Waldkappel, Eschwege, Wanfried, Creuzburg, Eisenach, Mechterstädt, Gotha, Wandersleben, Erfurt, Weimar, Niederroßla, Jena konnten mich persönlich zu einem Gespräch und einer Übernachtung einladen und sich mit ihren Wendeerfahrungen, Bildern und Geschichten beteiligen.
 
Erinnerte Geschichte verknüpft sich poetisch mit aktuellen Erfahrungen und Perspektiven. Auf beiden Seiten jenseits der ehemaligen politischen Grenze wurden die täglichen Nachrichten in Form von fotografischen Bildern, Zeichnungen und Texten face to face in Jena und Schöppingen, sowie im Internet öffentlich gepostet.
 
Ich bedanke mich bei allen Beteiligten für ihre Geschichten und ihre Gastfreundschaft ganz herzlich.
 
 
Andrea Freiberg
andrea-freiberg.blogspot.de
ich-gehe-in-meinen-garten.blogspot.de
 

10.10.2014 Weimar - Niederroßla


In Weimar treffe ich mich mit Silke. Ich war schon ganz früh wach und bin nach meiner Arbeit am Text und an den Bildern durch die Stadt gegangen. Die Atmosphäre vor Beginn des Zwiebelmarktes voller Spannung und Vorfreude. Die warmen Herbstfarben der Zwiebelzöpfe tonangebend.
Mit Silke war ich in der MeFa von 1981 bis 84. Medizinische Fachschule Walter Krämer. Widerstandskämpfer. Hat im KZ Buchenwald von jüdischen Ärzten heilen gelernt und Menschenleben gerettet. Gebürtiger Siegerländer und in Siegen begraben. Silke hat viel zu erzählen. Ich vergesse meine Bilder. Bin schweigsamer nach meinen Wanderungen allein. Man wird sensibler. In Kromsdorf trinken wir Kaffee. Früher waren wir in der Gegend und in Oßmannstedt mit dem Fahrrad oder Moped unterwegs, wenn Tanzveranstaltung oder Disko war. Wir erinnern uns an die Wege von vor über dreißig Jahren. Gemeinsamer Urlaub an der Ostsee. Zelten an der Hohenwarte. Freundschaft über die Zeiten. Heute verbinden uns gemeinsame Erinnerungen und trennen uns Welten gleichzeitig. Sie ist geblieben, lebt im Eigenheim mit Familie und Garten. Ich bin gegangen. Lebe momentan allein, selbstbestimmt und habe einen weiten Weg bis in meinen Garten. Kurz vor dem Ziel auf der Höhe mit Blick auf meine grüne Idylle sehen wir meinen Papa, Grit, Anke und die Kinder kommen. Zufällig zeitgleich. Sie bringen Kaffee und Kuchen mit zur Begrüßung. Wir sitzen zusammen auf meiner Terrasse. Vorher müssen die Spinnweben entfernt und ein paar Möbel gestellt werden. Wie immer. NACHHAUSEKOMMEN ANDERS.

9.10.2014 Erfurt - Weimar



In Erfurt ist die Kirmes auf dem Domplatz aufgebaut. Oktoberfest auch hier. Ich schau mir noch die Grabplatte des Grafen von Gleichen mit seinen beiden Gemahlinnen an. Das Wetter ist toll. Viele Menschen sind in der Innenstadt. Suche den Ausgang. Ben begleitet mich ein Stück. Er ist mit dem Rad stecken geblieben und hat sich kurzfristig in einem leerstehenden Haus am Stadtrand eingenistet. Richtung Weimar über Vieselbach, Niederzimmern und Hopfgarten. Eine Gardine weht aus dem Fenster im Dorf. Ich höre Baugeräusche. Teilweise muss ich auf der Landstraße gehen. Eine Frau im Wagen mit Gießener Kennzeichen bietet mir Mitfahrgelegenheit an. Wanderer sieht man nicht mehr oft. Im Stausee in Hopfgarten ist kaum Wasser. Gestrandetes Boot. Baumwurzeln vom Grund wirken wie lebendige Krakentiere. Eine Campinggemeinschaft am Ufer. Angeln geht nicht. Bieten mir Portwein an. Zur Wende wie alle Anderen Besuchergeld abgeholt und eingekauft. Ein Stück Lutherweg und quer über das Feld. Fühl mich zu Hause unterwegs. Der Glockenturm auf dem Ettersberg zieht immer wieder meine Blicke und Gedanken an. Konnte nie verstehen, warum keiner was gegen das Töten im KZ Buchenwald gemacht hat. War doch weit genug zu sehen der Qualm aus den Schornsteinen. Nach Weimar rein wirkt die Stadt noch fremd auf mich. Stadteingänge zu Fuss zu passieren, bin ich nicht gewohnt. Das Schwanseeschwimmbad ist leer. Zur Innenstadt hin wird mir das Stadtbild vertrauter. Stoße hier auf meine eigene Geschichte. Grau und schmutzig in den 80er Jahren, als ich meine erste Ausbildung in Weimar absolviert habe. Internat. Vierer Zimmer. Neue Freundinnen. Die Eisdiele nah der MeFa genüßliche Ablenkung. Immer mit der schweren Reisetasche vom Bahnhof in die Erfurter Straße. Schule. Beruf. Erste Liebe. Biografie linear gedacht. In der Stadt sind Marktstände und Bühnen aufgebaut. Viele Leute sind unterwegs. Vorfreude auf den Zwiebelmarkt. Letzte Arbeitsgänge. Eine Mutter läuft ihrem Kind spanischsprechend hinterher. Esse die beste Pizza aller Zeit. Das Licht ist schön. DDR erscheint mir grad völlig absurd. In Weimar war ich sehr oft nach der Wende. Habe den Wandel etwas miterlebt. Ronny im Hostel stammt aus Meiningen. War 11, als er das erste mal in den Westen fuhr. Seine Mutter durfte öfter fahren. Sie war schon Rentnerin aufgrund einer körperlichen Behinderung. Er hat nichts vermißt in der DDR. Hatte einen Pelikanfüller und eine coole Federmappe. Konnte Westfernsehen, wenn auch nur in schwarz-weiß, sehen und hat sich später gewundert, dass es Colt Seavers auch in Farbe gibt. Die erste Fahrt mit dem Auto über die Grenze bei Mellrichstadt dauerte wegen dem Stau viele viele Stunden. Er hat sich verschiedenste Zeitschriften gekauft. Die Bravo. Reizüberflutung von den vielen neuen Farben, Gerüchen und Geräuschen in der Stadt. Kopfschmerzen. Die Lehrerin war uncool. Machte Ärger, weil er am Montag nicht in die Schule kam. Konnte nicht so schnell umdenken. Westausflug galt nicht als Entschuldigung. In die FDJ konnte er nicht mehr eintreten aber seine Jugendweihe mit 14 feiern.

8.10.2014 Wandersleben - Erfurt


Aus Wandersleben kann ich nicht weg, ohne vorher mit Heike noch auf die Burg Gleichen zu steigen. Die Mühlburg sehe ich aus anderer Perspektive, die Autobahn von oben. Ich sehe auch von hier einen Elefant in der Form der Ruine. Das wunderschöne Freudental unterhalb der Burg. Hier lebte der Sage nach der "zweibeweibte" Graf von Gleichen. Der Weg geht an der Apfelstädt entlang Richtung Erfurt. Und dann ein ganz schöner Wanderweg entlang der Gera, der in dem Dreibrunnenpark mündet. 
Mario, in einem Dorf bei Mühlhausen aufgewachsen. Und Anne aus Freiberg leben seit vier Monaten in Erfurt. Beide haben Germanistik in Leipzig studiert. Er ist freischaffender Autor und sie berufstätig in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Zur Wende waren sie 2 bzw. 4 Jahre alt. Mario wurde 1992 eingeschult und die vormillitärische Erziehung aus DDR Zeiten war immer noch spürbar. Sport frei. Der Größe nach antreten. Hände an die Hosennaht. Vormittags wurde der Film "NAPOLA" gezeigt und am Nachmittag das alte autoritäre Verhalten im Sportunterricht angewendet, sagte Anne. Ein unmittelbarer Vergleich zwischen Nazideutschland und DDR Regime. Neue pädagogische Konzepte entwickelten sich erst im Laufe der Zeit. Die Väter haben Drill und Gehirnwäsche in der NVA erlebt. Mario ist im Gegensatz zu seinem Bruder aus dem Dorf weggegangen. Ein DDR Mythos, der von Solidarität und Gemeinschaft erzählt, funktioniert hier nicht mehr. Alte Märchen. Die Leute sind eher niederträchtig und zänkisch. Verstecken sich hinter Scheuklappen. Leipzig offenbarte neue kulturelle Angebote und Anonymität ohne Kontrolle und Dorfenge. Vielfältige Möglichkeiten, sich neu auszuprobieren. Studium. Freunde. In der neuen Wohnung gibt es 2 Sofas, damit die Freunde zu Besuch kommen können. Heute stehen die jungen Leute wieder auf Strebergärten und Selbstversorgung. Anne wünscht sich eine traditionelle Zweierbeziehung und möchte nicht immer umziehen. Heute steht die Welt scheinbar offen durch Internet und Yetset. Die Freiheit überfordert auch. Die Erwartungen der Eltern an die junge Generation, die Möglichkeiten und Chancen, etwas aus sich zu machen. Sie selbst können keinen Ratschlag geben. Sie hatten nicht die Freiheit zur Selbstverwirklichung. Wurden in der DDR fremdbestimmt. Die Folgegeneration kann sich eigene Rahmen bauen und sucht gleichzeitig auch Halt. Aus dem Zwang der Vielfalt und der Angst vor falschen Entscheidungen entflieht man in das Vertraute und Altbewährte. Der Schrebergarten mit Bude und Zaun. Vintage in den Gemüsebeeten.

SOLJANKA
nach einem Rezept von Mutti:
Jagdwurst, Fleischwurst oder Bockwurst (mind. 6 bei 4 Pers.) vorher anbraten
2 Zwiebeln
2 Paprikaschoten
1 Tube Tomatenmark (mit Wasser ablöschen)
Tomaten in der Dose (stückig scharf)
1 Glas Letscho (noch etwas klein schneiden)
5 Gewürzgurken
Zum Schluss mit Salz, Pfeffer und Paprika würzen.

7.10.2014 Gotha - Wandersleben



Die Zeit ist im Unterwegssein wirklich unmittelbarer und gleichzeitig unbedeutender. Sie vergeht hinter jedem Schritt und geht jeden Tag neu auf. Wandersleben zwischen den drei Gleichen ist heute mein Ziel. Ich melde mich im Bürgermeisteramt an und bin gleich mit Dr. Päselt an der Kirche verabredet. Heike am Abend mit Einladung zur Übernachtung. Sie hat mich angerufen, weil sie von meinem Projekt in der TA gelesen hat. Das Gemeindezentrum an der Kirche mit Bibliothek und Heimatmuseum wurde nach der Wende mit neuen finanziellen Mitteln und Materialien aus der Ruine des alten Landhofes aus dem 13. Jhd. gehoben. In den 80er Jahren waren die Engerling Blueser am Bau. Rund 25 junge Leute mit einem Bauhistoriker aus Gotha gemeinsam. Sie trafen sich jeden Sonnabend. Haben jahrelang auf dem verfallenen Hof gearbeitet und konnten dafür ihr Bluesfestival im Kulturhaus und auf der Burg veranstalten. Herr Hochheim vom Heimatverein versammelt die Geschichten und Gegenstände aus dem Lebensalltag der Bevölkerung in dem erneuerten Gemäuer neben der Spinnstube. Im Wohnturm aus der romanischen Zeit wurden im Mittelalter die Finanzen geregelt. Heute die Denkmalpflege. Menantes Wirken als erster Dichter der erotischen Literatur im Barock wird im Ort sehr gewürdigt. Literaturwettbewerbe werden veranstaltet. Die Erotik eines Obstkorbes in Worte gefasst. In der DDR kam sein literarisches Schaffen nicht zum Zuge. 
Heike kam am 11.11.1991 mit ihrem Mann und 3 Kindern nach Wandersleben. In Aschersleben geboren. Magdeburg. Bautzen. Erfurt. Mit 14 die Segelfliegerei entdeckt und mit 16 ihren Mann auf dem Flugplatz. Kameraden der GST Sektion Segelflug. Pawel Kortschakin. Zu DDR Zeiten wurden die Strecken stark begrenzt. Wenn man die Grenzen der Flugkorridore überflog, kamen die Hubschrauber. Heike war die erste Frau, die Flugzeuge reparieren konnte. Wegen einem Foto vom Baby im Flieger wurde der Flugschein entzogen. Verdächtigt der Vorbereitung zur Republikflucht. Heute ist der Sohn mehr in der Luft, als auf dem Boden und baut die Flieger selbst. In Erfurt lebte die Familie im Neubaublock. Von Mai bis September im Garten auf der Schwedenschanze in Erfurt. Nicht viel Platz in der Datsche Typ GWL 24. Die Kinder schliefen übereinander im Regal. Wasser in Kanistern geholt. Kleine Freiheit in der Kirschplantage. Der Mann ging zu den Montagsdemonstrationen. Ungewissheit ob er wiederkommt. Nach der Wende berufliche Umorientierung. Mehrere Firmen gleichzeitig und das Hotel in Wandersleben. Rekordflug nach England. Heike war die Pilotin im Schlepptau von Kortrijk nach Shoreham. Im Guinnes Buch der Rekorde gelandet. Der Schlaganfall des Mannes war ein tiefer Einschnitt und holte die Familie gleichzeitig ins Leben zurück. Gegenseitige Unterstützung. Zusammenhalt. Neuanfang. Treckingtour in Nepal 2013 und immer wieder neue Perspektiven. 

6.10.2014 Mechterstädt - Gotha



Nach Gotha gehe ich den Umweg über Waltershausen am Rande des Thüringer Waldes. Romantische Bilder in der Morgendämmerung. Zweites Frühstück im Bäckerladen. Durch das Klaustor eine kleine Runde um den Markt. Die Stadtkirche ist geschlossen. Richtung Leina komme ich an Schrebergärten vorbei. Hundegebell. Felder und Wiesen. Nah an der Autobahn auch ununterbrochener Geräuschpegel. Den Boxberg hinauf zur Galopprennbahn. Das Gasthaus schließt eben im Moment. Kein gutes timing. Die viktorianische Tribüne ist reizvoll. Schöner Buchenwald. Pressetermin in Gotha. Von den Bewohnern kam kein Anruf. Der Artikel war am Freitag drin. In der Touristinformation bekomme ich ein paar Telefonnummern. Um den oberen Markt herum fotografiere ich alte Häuser und die Baulücke eines fehlenden Eckhauses. Das rote Rathaus bestimmt den Platz, der sich wie ein langes Band nach oben über die Treppen und den Wasserlauf zum Schloß zieht. Viel Raum und Ausblick. Treffe mich mit einem Stadthistoriker in der Forschungsbibliothek im Schloß. Herr Wenzel ist Fachmann und kann mir Auskunft und ein Foto geben. Das Haus in der Querstraße 23 Ecke Schwabhäuser Straße mußte im Dezember 89 aus Sicherheitsgründen abgerissen werden. Oben drin waren Wohnungen. Unten in den Gewerberäumen viele Jahrzehnte lang die Bilderrahmenfirma Erdmann. Zurück geblieben ist ein schmales tiefes Grundstück, wo jetzt Autos parken. Eckbebauungen sind für das Stadtbild tonangebend. Die freien Giebelwände der angrenzenden Häuser sind mit Styropor gedämmt. Provisorisch. Spuren der DDR Mangelwirtschaft. Das alte mittelalterliche Gassensystem konnte nicht lückenlos erhalten werden. Zu DDR Zeiten hat man versucht, die alte Bausubstanz mit Plattenbauten zu ersetzen. Es war "kein schöner Wohnen" in den engen Gassen, sagte Herr Wenzel. Ab 20 M kostete die Miete. Nach der Wende zog es die Häuselbauer aus der Stadt raus. Mittlerweile gibt es wieder Zuzug. Von 58000 Einwohnern zu DDR Zeiten leben jetzt 45000 in Gotha. Auch hier gibt es Spuren der friedlichen Revolution und Demonstrationen von 1989. Friedensgebete und Stasisturm. Willi Brandt war hier Eine Ausstellung "Niemals vergessen" über die Wende 89 in der Augustinerkirche.

5.10.2014 Eisenach - Mechterstädt






Auf dem Radweg aus der Stadt hinaus über Wutha Richtung Hörselberge und Mechterstädt. Eisenach hatte mich aufgewühlt. Die Leute sind sehr freundlich, wenn ich nach dem Weg frage. Radfahrer sind unterwegs. Freu mich auf Wanderwege im Wald. Steiler Anstieg auf den kleinen Hörselberg und dann ein Kammweg mit wunderschöner Aussicht. Ich habe vergessen, meine Wasserflasche aufzufüllen. Es ist diesig, aber den Inselsberg kann man vom großen Hörselsberg aus erkennen. Die Wirtin im Gasthof rät mir, in den Stern in Mechterstädt zu gehen, weil dort viele Leute sind. Heute ist das nicht so. Die meisten sind mit den Reisebussen mit zum Ausflug nach Rom gefahren. In der Pilgerunterkunft benötigt man einen Schein.
Inguld und Matthias nehmen mich herzlich auf. Ein Zimmer ist frei, weil der Sohn jetzt in München lebt. Die Tochter hat sich mit ihrem Mann im Ort nah bei der Familie ein Haus gebaut. Wenn Kinder kommen, ist die Oma nicht weit. Inguld hat nach der Wende umgeschult auf Zahntechnikerin. Ihren erlernten Beruf als Schmuckgürtlerin gab es nicht mehr. Am 9.11.89 als die Nachricht von der Grenzöffnung im Fernsehen kam, lagen die Kinder schon im Bett. Sollten sie auch direkt los? Hin und hergerissen. Man konnte es nicht glauben. Morgens am Bus wurden schon erste Geschichten von nächtlichen Abenteuern erzählt. Das Paradies haben sie auf ihrer Terrasse neben der Hörsel. Ab und zu kommt der Eisvogel.

4.10.2014 Ifta - Creuzburg - Eisenach

In Creuzburg scanne ich auch das Rathaus. Ein Reporter der TA ruft an. Wir verabreden uns im Cafe. Dann gehts nach Hörschel. Ich treffe ein Ehepaar aus Eisenach. Sie waren früher in der Akademie der Wissenschaften in Berlin beschäftigt. Frühe Geschichte er und sie war Bibliothekarin. Forschung und Lehre wurden in der DDR nach sowjetischem Vorbild getrennt. Die Akademien wurden dann nicht mehr gebraucht und aufgelöst. Ich gehe einen kleinen Umweg, ein Stück über den Rennsteig. War vor einigen Jahren mit meinem Vater und meinen Geschwistern hier. Die Sonne scheint herrlich nachdem sich der Nebel aufgelöst hat. Noch keine Unterkunft in Eisenach. Stimmt mich traurig, dass mich hier niemand anruft. Heimat. Thaimassage für Rücken und Gemüt. Auf dem Markt ist Oktoberfest. Das erste mal in diesem Jahr. 89 war ich mit Gunter hier. Wir trafen uns mit polnischen Arbeitskollegen von Siegfried und gaben Koffer mit Kleidung für Mutti und Siegfried mit. Sie sind im Juni kurz vor der Grenzöffnung drüben geblieben. An der Grenze wurde alles abgenommen, nur der Ring nicht, den sich der Eine an den Finger gesteckt hatte. Stasi. Die Zentrale war im größten Jugendstil Villenviertel Europas. Ehemals jüdisch. Nach der Wende für eine Mark und Bezuschussung in westdeutsche Hände. Heute wieder rausgeputzt. Wichtig ist, dass die Geschichten gut ausgehen. Nicht immer ist das so. In Eisenach war die Grenze vor der Tür. Die Überwachung war engmaschig. Auch innerhalb von Familien oder Freundschaften teilweise. Das wurde kaum thematisiert. Vom Krieg her hatte man gelernt zusammenzuhalten. Konspirative Wohnungen, wo die Berichte weitergegeben wurden. Druck von oben nach unten. Gewalt und Ohnmacht. Gewinner und Verlierer. Das Thema ist immer noch sensibel. Heute möchte man vergessen. Ein Zelt ist aufgebaut auf dem Markt. Viele Leute sind unterwegs. In der Drogerie erzählt die Verkäuferin, dass heute ungewöhnlich viele Kondome verkauft wurden. Pressetermin mit der TLZ. Die Zimmer in den Pensionen sind alle belegt an diesem Wochenende. Blaskapelle. Alter Kaiser Wilhelm. Rostwurst und Bier. Ich bekomme einen Tipp und ein Zimmer in einer Pension an der Wandelhalle in der Wartburgallee. Sie selbst haben nicht so viel Platz. Beide sind immer noch bei der Bahn beschäftigt. Frau und Herr Leifheit sind erst 14 Tage nach Grenzöffnung rüber zum Cousin nach Nürnberg gefahren. Wollten nicht mit der ersten Welle mit. Stadtbesichtigung in Nürnberg und Frankfurt. Die Schlenkertasche mit allen Ausweisen war abhanden gekommen. Auch das SV Buch. Alles Wichtige dabei gehabt für alle Fälle. Aufs Autodach gelegt und weggefahren. Zurück nach Frankfurt. In der Tiefgarage konnten sie die Tasche nicht finden. An der Grenze war es schwierig. Er konnte sich nicht ausweisen, nichts beweisen, nicht identifiziert werden. Es dauerte Jahre, bis alle Ausweise ersetzt werden konnten. Insbesondere das SV Buch wegen der Rente. Heute wurde der evangelische Gottesdienst im Oktoberfestzelt gefeiert.